Rezension
Der Mann im Goldrahmen von Judith Gruber-Rizy
Ein Jahr, ein Fenster, jeden Morgen dieselbe Aufnahme. Aus dieser strengen Anordnung entsteht ein Roman über das, was beim Wiederholen sichtbar wird.
Roman, 296 Seiten, erschienen 2016.
IWorum es geht
Eine Fotokünstlerin, nicht mehr ganz jung, zieht sich für ein Jahr aufs Land zurück. Sie hat ein Projekt: Jeden Morgen zur exakt selben Zeit fotografiert sie aus dem Kabinettfenster denselben Ausschnitt, einen Kirschbaum, ein Gartenhäuschen, einen Kirchturm.
Ihr erwachsener Sohn David bleibt in der Stadt und ist ihre wichtigste Verbindung dorthin. Die übrigen Beziehungen werden sporadisch und verblassen, ohne dass jemand sie beendet hätte.
Während sie sich auf minutiöse Veränderungen in der Natur konzentriert, kommt eine Erinnerung zurück: an Stephan, einen Mann, den sie für kurze Zeit geliebt und selbst verlassen hat. Die Geschichte ist abgeschlossen und lässt sie trotzdem nicht los.
IIWie das Buch gebaut ist
Die Struktur des Romans übernimmt die Struktur des Fotoprojekts. Es wird wenig erzählt und viel beobachtet, und die Handlung kommt nicht aus Ereignissen, sondern aus Verschiebungen: Ein Detail verändert sich, und dadurch verändert sich, was die Erzählerin darüber denkt.
Das ist verlangsamte Prosa, und sie ist es absichtlich. Aus vielen kleinen Alltagsbeobachtungen setzt sich nach und nach ein Lebensrückblick zusammen, ohne dass das Buch je ankündigt, dass es einen führt.
Wer schnelle Bücher mag, wird hier ungeduldig. Wer sich auf das Tempo einlässt, bekommt dafür eine Genauigkeit, die kaum ein schnelleres Buch erreicht.
IIIFür wen sich das lohnt
Für Leserinnen und Leser, die Romane über das Älterwerden suchen, die weder rührend noch bitter ausfallen. Es geht um Versäumnisse und um die Frage, ob an einer bestimmten Stelle falsch abgebogen wurde, und der Roman lässt diese Frage offen.
Für alle, die mit langsamen Büchern nichts anfangen können, ist das der falsche Titel. Hier passiert im üblichen Sinn fast nichts.
Ähnlich ruhig, aber mit einer Bedrohung im Hintergrund: Über allem war Licht.
IVEinordnung
Judith Gruber-Rizy schrieb diesen Roman als sechstes Buch. Davor erschienen Aurach (2002), der Kurzprosaband Zwischen Landschaft (2006), Einmündung (2008), Drift (2009) und Schwimmfüchslein (2013), jeweils in verschiedenen kleineren Häusern in Österreich.
Diese Reihe erklärt die Sicherheit, mit der hier verlangsamt wird. Ein Debüt traut sich das selten, weil es fürchtet, für langweilig gehalten zu werden. Das sechste Buch fürchtet das nicht mehr.
Die Autorin war zwischen 1971 und 1990 Journalistin, hat daneben Germanistik und Theaterwissenschaft studiert und 1986 über den oberösterreichischen Schriftsteller Franz Kain promoviert. Von 2009 bis 2013 war sie stellvertretende Vorsitzende des Österreichischen Schriftstellerverbandes. Ausgezeichnet wurde sie unter anderem mit dem Theodor-Körner-Preis und dem Max-von-der-Grün-Literaturpreis.
VSprache und Ton
Die Sprache dieses Romans ist auf Genauigkeit gebaut, nicht auf Schönheit. Beschrieben wird, was zu sehen ist, und weil die Erzählerin Fotokünstlerin ist, ist das Sehen selbst ihr Fach. Das ergibt Passagen, in denen eine Veränderung an einem Kirschbaum mehr Raum bekommt als ein Gespräch.
Wer diese Passagen für Leerlauf hält, hat das Buch nicht gegen sich, sondern nur die falsche Erwartung. Der Roman behauptet an keiner Stelle, dass gleich etwas passiert. Er stellt von Anfang an klar, dass die Handlung in der Beobachterin stattfindet.
Das Erinnerungsmaterial wird ähnlich behandelt. Stephan erscheint nicht als Rückblende mit Szene und Dialog, sondern als etwas, das beim Fotografieren dazwischenkommt. Der Roman rekonstruiert die Beziehung nicht, er zeigt, wie sie zurückkehrt.
Dass die Erzählerin selbst Schluss gemacht hat, ist dabei der entscheidende Punkt. Ein verlassener Mensch hat eine Geschichte zu erzählen; jemand, der gegangen ist, hat eine Frage zu beantworten, und die ist erheblich unangenehmer.
?Häufige Fragen
Passiert in dem Buch etwas?
Im Sinn äußerer Ereignisse wenig. Der Roman lebt von Beobachtung und Erinnerung, nicht von Handlung.
Ist Vorwissen über Fotografie nötig?
Nein. Das Fotoprojekt ist die Form des Buches, nicht sein Fachgebiet.
Wie umfangreich ist der Roman?
296 Seiten, ISBN 978-3-903091-06-1, erschienen 2016.
Ist das ihr erster Roman?
Nein, ihr sechstes Buch. Davor erschienen unter anderem Aurach (2002), Einmündung (2008) und Schwimmfüchslein (2013).