Rezension
Über allem war Licht von Magda Woitzuck
Rosa liebt den besten Freund ihres Mannes. Ihr Mann schlägt sie. Aus dieser Anordnung baut Magda Woitzuck einen Roman, der nirgends laut wird und trotzdem nicht loslässt.
Roman, 264 Seiten, erschienen 2015.
IWorum es geht
Rosa und Milo verlieben sich, und das ist von Anfang an ein Problem: Milo ist der beste Freund von Rosas Ehemann Hans. Die beiden leben in einer kleinen Ortschaft, in der nichts unbemerkt bleibt, und verlegen ihre gemeinsame Zeit deshalb in den Wald.
Was als Frage der Geheimhaltung beginnt, wird zu einer anderen, als Milo begreift, in welcher Lage Rosa lebt. Hans ist gewalttätig. Rosa weiß das besser als alle anderen und will ihn trotzdem nicht verlassen, und diese Weigerung wird für Milo mit jedem Kapitel schwerer zu tragen.
Der Roman erzählt, was aus einer Konstellation wird, in der alle drei Beteiligten wissen, dass sie so nicht bleiben kann, und keiner sie beendet.
IIWie das Buch gebaut ist
Woitzuck erzählt beiläufig, und das ist die eigentliche Entscheidung dieses Buches. Schwere Ereignisse stehen in kurzen Sätzen, ohne dass die Sprache mitgeht. Der Effekt ist, dass der Schrecken nicht aus der Beschreibung kommt, sondern aus dem Abstand zwischen dem, was passiert, und dem Ton, in dem es dasteht.
Dazu kommt eine Erzählhaltung, die das Publikum langsam in die Rolle eines Zeugen schiebt, der nicht Zeuge werden wollte. Man weiß mehr als jede einzelne Figur und kann nichts damit anfangen, und genau daraus bezieht der Roman seine Spannung.
Mit 264 Seiten ist das Buch kurz genug, dass diese Anordnung trägt. Auf hundert Seiten mehr wäre die Beiläufigkeit vermutlich zur Masche geworden.
IIIFür wen sich das lohnt
Für Leserinnen und Leser, die Romane über Gewalt in Beziehungen suchen, ohne dass daraus ein Thesenbuch wird. Hier steht keine Erklärung, warum Rosa bleibt. Der Roman behauptet nicht, das beantworten zu können, und das ist ehrlicher als die meisten Antworten, die auf diese Frage gegeben werden.
Weniger geeignet ist das Buch für alle, die einen Plot mit Auflösung erwarten. Es gibt eine Zuspitzung, aber keine Instanz, die am Ende Ordnung schafft.
Wer danach weiterlesen will: Der Mann im Goldrahmen arbeitet mit ähnlicher Langsamkeit, allerdings ohne Bedrohung.
IVEinordnung
Dies ist der erste Roman der Autorin, aber nicht ihr erstes Buch. 2012 erschien der Prosaband Ellis. Trilogie in der Literaturedition Niederösterreich, davor lagen Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften wie DUM, etcetera und podium.
Bemerkenswerter ist eine andere Station: Ihr Hörspiel Doggod wurde 2010 als künstlerisch anspruchsvollstes Hörspiel ausgezeichnet und erhielt zusätzlich eine Special Commendation beim Prix Europa in Berlin. Wer das weiß, hört den Roman anders. Die Dialoge tragen mehr Last als in vergleichbaren Debüts, und Stimmen werden voneinander unterschieden, ohne dass ständig dazugesagt wird, wer gerade spricht.
Magda Woitzuck hat Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Wien studiert und ist zweisprachig mit Polnisch aufgewachsen. Für die Lektüre heißt das wenig, für die Einordnung viel: Das Buch ist nicht aus dem Nichts entstanden, sondern am Ende einer fünfzehnjährigen Schreibpraxis, die nur nicht in Romanform sichtbar war.
VSprache und Ton
Der Ton dieses Romans ist seine wichtigste Entscheidung, und er ist leicht zu beschreiben und schwer zu machen. Die Sätze bleiben kurz, auch dort, wo der Inhalt nach Ausführlichkeit verlangt. Es wird nicht gedeutet, nicht kommentiert und nicht gewertet.
Der Effekt lässt sich an einer einfachen Beobachtung festmachen: Wenn ein Buch über Gewalt laut wird, übernimmt der Text die Erregung, und das Publikum kann sich zurücklehnen, weil die Empörung bereits geleistet ist. Bleibt der Text ruhig, bleibt die Arbeit beim Lesen liegen. Genau das passiert hier.
Dazu kommt eine sparsame Bildsprache. Es gibt Bilder, aber sie stehen einzeln und tragen Gewicht, statt sich zu Passagen zu häufen. Wo andere Debüts zeigen wollen, was sie können, lässt dieses weg.
Wer wissen will, ob ihm das liegt, braucht keine Leseprobe: Der erste Absatz genügt. Der Ton ändert sich auf den folgenden 264 Seiten nicht mehr, und das ist keine Schwäche, sondern das Prinzip.
?Häufige Fragen
Ist das Buch ein Kriminalroman?
Nein. Es gibt eine Zuspitzung und eine Tat, aber keine Ermittlung und keine Auflösung im Sinn des Genres.
Ist es das erste Buch der Autorin?
Es ist ihr erster Roman. Zuvor erschien 2012 der Prosaband Ellis. Trilogie, dazu Texte in Literaturzeitschriften und ein ausgezeichnetes Hörspiel.
Wie lang ist das Buch?
264 Seiten. Das entspricht bei durchschnittlichem Tempo etwa fünf bis sechs Lesestunden.
Ist das ihr erstes Buch?
Ihr erster Roman. 2012 erschien der Prosaband Ellis. Trilogie, davor Texte in Literaturzeitschriften. Ihr Hörspiel Doggod wurde 2010 ausgezeichnet.