Rezension
Ich Dylan Ich von Peter Wawerzinek
Wawerzinek fährt nach Wales, sucht die Landschaften von Dylan Thomas auf und redet mit einem Toten. Was dabei herauskommt, ist weniger Huldigung als Selbstbefragung.
Roman, 160 Seiten, erschienen 2015.
IWorum es geht
Peter Wawerzinek ist mehrmals nach Wales gereist und hat die Orte aufgesucht, an denen Dylan Thomas gelebt und geschrieben hat. Aus diesen Reisen ist ein Buch geworden, das sich durchgehend an den Dichter richtet, in der zweiten Person, als fortgesetzte Ansprache.
Nur antwortet dieser Dichter nicht, und Wawerzinek weiß das. Er notiert an einer Stelle, der Sockel des Denkmals am Hafen habe nur für einen Platz, und es sei nicht einfach, sich dazuzusetzen. Solche Sätze sind der Grund, warum das Buch nicht zur Verehrung wird.
Zwei Themen tragen den Text: die Furcht vor dem Leben ohne Leidenschaft und der Alkohol, der bei beiden Autoren Treibstoff und Betäubung zugleich war, samt allem, was das an Beziehungen kostet.
IIWie das Buch gebaut ist
Formal ist das kein Roman im üblichen Sinn, auch wenn es bibliografisch so geführt wird. Es gibt keine Handlung, die vorangetrieben wird, sondern eine Bewegung durch Landschaften, Erinnerungen und Lektüren, die sich gegenseitig kommentieren.
Wer über einen anderen redet, redet immer auch über sich, und dieses Buch macht daraus sein Prinzip statt seines Problems. Das Gespräch mit Dylan Thomas ist ein Monolog, und der Text sagt das selbst, mit einer Selbstironie, die den Ton vor dem Pathos rettet.
Auf 160 Seiten funktioniert das. Es ist ein Buch, das man in zwei Sitzungen liest und danach an einzelnen Stellen wieder aufschlägt.
IIIFür wen sich das lohnt
Für alle, die Dylan Thomas kennen, und mehr noch für die, die ihn nicht kennen: Man braucht keine Vorbildung, weil das Buch seinen Gegenstand mitliefert.
Für Leser, die Prosa mögen, die sich um Gattungsgrenzen nicht kümmert. Wer eine Biografie erwartet, wird enttäuscht, und wer einen Roman erwartet, auch.
Danach weiterlesen lässt sich gut mit Rot wie Schnee, wo ebenfalls ein Toter ins Gespräch eingreift, nur mit anderen Mitteln.
IVEinordnung
Zwei Auszeichnungen ordnen dieses Buch ein. Der NDR führte es als Buch des Monats, und es stand auf der Nominierungsliste der Hot List 2016, also jener Liste, mit der unabhängige Verlage im deutschsprachigen Raum jährlich auf Titel aufmerksam machen, die in den großen Bestenlisten nicht vorkommen.
Beides zusammen beschreibt die Lage des Buches ziemlich genau: zu eigenwillig für den Mainstream, zu gut, um überhört zu werden. Ein Text ohne Handlung, der sich an einen toten walisischen Dichter richtet, ist keine naheliegende Erwerbung für eine Buchhandlung, und genau deshalb braucht er solche Listen.
Für die Einordnung in diese Auswahl ist noch etwas wichtig: Peter Wawerzinek ist kein österreichischer Autor. Das Buch steht hier, weil es in Österreich verlegt wurde, und es zeigt, dass kleine Häuser im deutschsprachigen Raum über Landesgrenzen hinweg arbeiten. Der Literaturbetrieb ist in dieser Hinsicht deutlich weniger national, als seine Förderstrukturen vermuten lassen.
VSprache und Ton
Die Ansprache an einen Toten ist eine riskante Form, weil sie zwei Fallen offen hält. Die eine ist die Feierlichkeit, in der jeder Satz sich vor dem Angesprochenen verbeugt. Die andere ist die Vertraulichkeit, in der sich der Sprechende zum Freund des Verstorbenen erklärt.
Wawerzinek umgeht beide durch Selbstironie. Die Stelle mit dem Denkmalsockel, auf dem nur für einen Platz ist, sagt genau das: Der Versuch, sich neben Dylan Thomas zu setzen, ist von vornherein komisch, und der Text weiß es.
Sprachlich arbeitet das Buch mit einem eigenen Rhythmus, der eher an gesprochene als an geschriebene Rede erinnert. Absätze brechen ab, Gedanken werden aufgenommen und fallen gelassen, und die Anrede kehrt immer wieder an dieselben Punkte zurück.
Für Leserinnen und Leser heißt das: Dieses Buch liest sich gut laut. Wer bei den ersten Seiten stolpert, sollte einen Absatz mit hörbarer Stimme lesen, bevor er aufgibt. Danach entscheidet sich, ob der Ton trägt.
?Häufige Fragen
Muss man Dylan Thomas kennen?
Nein. Das Buch führt seinen Gegenstand mit, Vorwissen ist nicht nötig.
Ist es eine Biografie von Dylan Thomas?
Nein. Es ist eine Annäherung, in der der Autor mindestens so viel über sich selbst schreibt wie über den Dichter.
Wie ist das Buch bibliografisch geführt?
Als Roman, 160 Seiten, ISBN 978-3-903091-01-6. Formal ist es eher Prosa ohne Gattungszuordnung.
Ist Peter Wawerzinek ein österreichischer Autor?
Nein. Das Buch steht in dieser Auswahl, weil es in Österreich verlegt wurde. Kleine Häuser arbeiten im deutschsprachigen Raum regelmäßig über Landesgrenzen hinweg.