Rezension
Rot wie Schnee von Volker Kaminski
Tom Lautenschläger malt das mondäne Leben, bis ihm ein Bild vom roten Schnee dazwischenkommt. Danach steht sein toter Vater im Atelier und hat Einwände.
Roman, 248 Seiten, erschienen 2016.
IWorum es geht
Tom Lautenschläger ist seit Jahren ein gefragter Maler großer Bilderserien vom schönen, mondänen Leben. Eines Tages malt er, mehr oder weniger ungewollt, etwas anderes: ein Bild vom roten Schnee, das er aus den Fluchterzählungen seines Vaters kennt.
Von da an gerät sein Atelier aus der Ordnung. Der tote Vater erscheint, und aus der Erscheinung wird ein Gespräch über den Zweiten Weltkrieg, das Tom nicht führen wollte und dem er nicht ausweichen kann. Der Vater bleibt nicht beim Reden, er redet ihm auch in die Arbeit hinein.
Der Roman erzählt, was mit einem Künstler passiert, der ein Thema angefasst hat, das größer ist als sein bisheriges Werk.
IIWie das Buch gebaut ist
Kaminski erzählt schnell, und die phantastischen Elemente werden nicht erklärt. Der tote Vater ist da, der Text diskutiert nicht, ob er da sein kann, und diese Weigerung ist die Entscheidung, an der das Buch hängt.
Dadurch wird die Malerei selbst zum Gegenstand: als Forschungsarbeit, als Grenzgang zwischen dem, was sich begründen lässt, und dem, was sich aufdrängt. Wer schon einmal versucht hat zu erklären, warum ein Bild nicht funktioniert, erkennt diese Passagen sofort.
Die Sprache bleibt dabei durchgehend unaufgeregt, was dem Stoff guttut. Ein Roman über Krieg und Gespenster verträgt keine zweite laute Instanz.
IIIFür wen sich das lohnt
Für Leser, die Romane über das Nachwirken des Zweiten Weltkriegs in der zweiten Generation suchen, ohne dass daraus ein Familienepos wird. Das Buch bleibt bei einem Mann, einem Atelier und einer Frage.
Für alle, die mit phantastischen Elementen fremdeln, ist die Hürde kurz, aber sie steht am Anfang.
Wer die Gesprächsanlage mag, findet sie anders gelöst in Ich Dylan Ich.
IVEinordnung
Das Buch gehört zu einer Gruppe von Romanen, die den Zweiten Weltkrieg nicht erzählen, sondern sein Weiterwirken in der Generation danach. Der Krieg kommt hier ausschließlich als Erzählung vor: als das, was der Vater berichtet hat, und als das, was der Sohn daraus gemacht hat, ohne es gewollt zu haben.
Die zweite Einordnung ist die als Künstlerroman. Bücher über Maler geraten leicht ins Feierliche, weil das Malen sich schlecht beschreiben lässt, ohne bedeutsam zu klingen. Rot wie Schnee umgeht das, indem es die Arbeit als Handwerk mit Widerständen zeigt: Ein Bild funktioniert nicht, und niemand kann genau sagen, warum.
Dass ausgerechnet ein Gespenst die Kritik übernimmt, ist der Einfall, an dem alles hängt. Der Vater sagt dem Sohn, was am Bild nicht stimmt, und der Sohn kann ihm nicht antworten, dass er tot ist, weil das nichts an der Berechtigung des Einwands ändern würde.
VSprache und Ton
Kaminski schreibt unaufgeregt, und in diesem Buch ist das eine bewusste Zurücknahme. Ein Roman, in dem ein Toter auftritt und über den Zweiten Weltkrieg spricht, könnte an zwei Stellen gleichzeitig laut werden. Der Text tut es an keiner.
Die Erscheinung des Vaters wird berichtet wie ein Besuch. Es gibt kein Erschrecken über die Tatsache als solche, keine Diskussion darüber, ob das sein kann, und keine Erklärung am Ende. Wer mit dieser Setzung nicht zurechtkommt, kommt mit dem Buch nicht zurecht, und das steht innerhalb der ersten Kapitel fest.
Die Malereipassagen sind der stärkste Teil. Sie beschreiben nicht, wie Bilder aussehen, sondern wie an ihnen gearbeitet wird, und sie tun es ohne das Vokabular der Ausstellungskataloge.
Erzählt wird schnell, mit kurzen Kapiteln und einem Tempo, das für einen Roman über Erinnerung überraschend hoch liegt. Auf 248 Seiten bleibt deshalb Platz für beides: den Gegenwartskonflikt im Atelier und das, was aus der Fluchterzählung des Vaters übrig ist.
?Häufige Fragen
Ist das ein historischer Roman?
Nein. Der Krieg kommt als Erzählung des Vaters und als Gespräch in der Gegenwart vor, nicht als Schauplatz.
Wie viel Phantastik steckt darin?
Genug, dass ein Toter auftritt und mitredet. Erklärt wird das nicht.
Wie lang ist das Buch?
248 Seiten, ISBN 978-3-903091-18-4.
Für wen ist das Buch nichts?
Für Leser, die realistisch erzählte Bücher bevorzugen. Der tote Vater tritt auf und redet mit, und der Roman verhandelt nicht, ob das möglich ist.