Rezension
Schmidt ist tot von Raoul Biltgen
Patrick Schmidt hält den Anruf aus Wien für einen schlechten Scherz seines Bruders. Er fährt trotzdem hin, und ab da stimmt an dieser Geschichte nichts mehr.
Kriminalroman, 304 Seiten, erschienen 2017.
IWorum es geht
Als Patrick Schmidt von der Wiener Polizei erfährt, dass sein Bruder René tot ist, glaubt er es nicht. René war ein Scherzbold, und das hier sieht nach einem seiner geschmacklosen Späße aus. Um mitzuspielen, reist der Luxemburger nach Wien.
Dort läuft alles anders als geplant. Er wird beschattet, und er erfährt, sein Bruder sei Waffenhändler und Terrorist gewesen und habe sich im Gefängnis das Leben genommen. Dazu kommt eine junge Frau, die sich Engl nennt und offensichtlich mehr weiß, als sie sagt.
Die Frage, die der Roman stellt, ist nicht nur, was René getan hat, sondern wer in dieser Geschichte eigentlich die Verbrecher sind.
IIWie das Buch gebaut ist
Biltgen erzählt in hohem Tempo, und der Fall wird von Anfang an auf zwei Ebenen geführt. Auf der einen läuft ein Krimi mit Beschattung, Verhören und einer Institution, der man zunehmend weniger traut. Auf der anderen läuft die Geschichte zweier ungleicher Brüder, von denen einer nicht mehr da ist, um zu widersprechen.
Diese zweite Ebene ist der Grund, das Buch zu lesen. Sie ist leise angelegt und entwickelt sich genau dann, wenn der Fall am lautesten ist.
Der Autor kommt vom Theater, und das merkt man an den Dialogen. Sie tragen Information und Figur zugleich, ohne dass jemand erklärt, was gerade passiert.
IIIFür wen sich das lohnt
Für Leserinnen und Leser, die Kriminalromane mögen, in denen der Ermittler kein Ermittler ist. Patrick Schmidt ist ein Betroffener ohne Befugnisse, und das verschiebt die üblichen Verhältnisse angenehm.
Für alle, die Wien als Schauplatz suchen: Die Stadt ist hier kein Postkartenmotiv, sondern ein Ort, an dem sich ein Fremder nicht zurechtfindet.
Der zweite Kriminalroman dieser Auswahl geht anders vor: Wassermann ermittelt von innerhalb der Behörde.
IVEinordnung
Raoul Biltgen kommt vom Theater. Er hat am Konservatorium der Stadt Wien Schauspiel studiert, war Ensemblemitglied am Vorarlberger Landestheater Bregenz und danach Dramaturg am Theater der Jugend in Wien. Seit 2003 arbeitet er freiberuflich, und rund vierzig seiner Theaterstücke wurden gespielt, in Österreich ebenso wie in Ungarn, Griechenland, China und Mexiko.
Das erklärt die Dialoge. Wer vierzig Stücke geschrieben hat, weiß, wie viel eine Figur sagen muss, damit man sie erkennt, und wie wenig sie sagen darf, damit die Szene läuft. In einem Kriminalroman ist das ein handfester Vorteil, weil der Löwenanteil der Information über Reden transportiert wird.
Als Krimiautor war Biltgen zweimal für den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte Kurzkrimi nominiert. Schmidt ist tot ist nach Jahrhundertsommer von 2015 sein zweiter Roman in diesem Programm.
VSprache und Ton
Der Roman beginnt mitten in einer Szene, in der ein Mann in einem Raum sitzt und nicht weiß, wie viele Leute hinter ihm hereingekommen sind. Er zählt mit und verzählt sich. Das ist der Ton des Buches in einem Bild: Information kommt unvollständig an, und die Hauptfigur weiß das.
Die Dialoge tragen entsprechend viel. Sie sind knapp, oft ohne Angabe, wer gerade spricht, und sie transportieren gleichzeitig die Ermittlung und die Beziehung zwischen den Brüdern. Wer flüchtig liest, verliert dabei den Faden, wer genau liest, bekommt zwei Bücher in einem.
Der Humor ist trocken und selten, und er kommt an Stellen, an denen er nicht entlastet. Das ist eine schwierige Dosierung, weil ein Kriminalroman mit zu viel Witz seine Bedrohung verliert.
Dass die Hauptfigur Luxemburger ist und Wien nicht kennt, nutzt der Roman konsequent. Die Stadt wird nie erklärt, sondern nur so weit gezeigt, wie jemand sie sieht, der zum ersten Mal da ist und Wichtigeres zu tun hat als sich umzusehen.
?Häufige Fragen
Wird der Fall aufgelöst?
Der Roman führt seine Fäden zusammen. Wie, steht hier nicht.
Muss man Wien kennen?
Nein. Die Hauptfigur kennt die Stadt selbst nicht, und die Erzählung nimmt darauf Rücksicht.
Gibt es einen Vorgängerband?
Nicht zu diesem Stoff. Vom selben Autor erschien 2015 der Roman Jahrhundertsommer.
Was macht der Autor sonst?
Er ist Schauspieler, Theatermacher und Autor von rund vierzig Theaterstücken. Zweimal war er für den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte Kurzkrimi nominiert.