Gegenwartsliteratur aus ÖsterreichWien

Rezension

Wassermann von Maria Stern

Eine ukrainische Putzfrau stürzt vom Dach des Parlaments. Kommissarin Clara Coban ermittelt zwischen Abgeordneten und stellt bald fest, dass nicht nur ein Leben bedroht ist.

IWorum es geht

Clara Coban hat einen neuen Fall: Eine ukrainische Reinigungskraft wurde vom Dach des Parlaments gestürzt. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Aca Petrovic ermittelt sie im parlamentarischen Alltag, also an einem Ort, an dem jede Frage politisch gelesen wird, bevor sie beantwortet ist.

Schnell zeigt sich, dass die beiden nicht nur einen Mord aufklären, sondern auch die Abgeordnete Sahra Schneider schützen müssen. Sie wird von mehreren Seiten bedrängt, und die Liste derer, die sie loswerden wollen, ist länger als erwartet.

Im Lauf der Ermittlungen wird Coban klar, dass es nicht bei der Gefahr für eine einzelne Person bleibt.

IIWie das Buch gebaut ist

Der Roman nutzt den Schauplatz als Ermittlungshindernis. Im Parlament ist jeder Zeuge zugleich Interessenvertreter, und Aussagen sind weniger wahr oder falsch als nützlich oder unnütz. Das ist eine gute Idee für einen Kriminalroman, weil es die übliche Mechanik der Befragung aushebelt.

Stern schreibt politisch, ohne zu predigen. Die Motive der Beteiligten werden benannt, und der Text überlässt es dem Publikum, was es davon hält.

Als zweiter Band funktioniert das Buch eigenständig. Wer Acetat nicht kennt, verliert Vorgeschichte, aber keinen Faden.

IIIFür wen sich das lohnt

Für Leser, die Kriminalromane mit politischem Schauplatz suchen und denen es nichts ausmacht, wenn ein Buch eine Haltung hat.

Für alle, die eine Serienfigur kennenlernen wollen: Clara Coban trägt zwei Bände, und dieser hier ist der zugänglichere Einstieg.

Der andere Kriminalroman dieser Auswahl, Schmidt ist tot, ermittelt ohne Dienstmarke.

IVEinordnung

Wassermann ist der zweite Band einer Reihe. Clara Cobans erster Fall heißt Acetat, und wer beide liest, sieht, dass die Figur von Anfang an nicht als Rätsellöserin angelegt war, sondern als jemand, der sich in Institutionen zurechtfinden muss.

Das Parlament ist dafür der konsequenteste Schauplatz, den die Reihe bisher gewählt hat. Es ist ein Gebäude, in dem jede Auskunft eine Absicht hat, und für eine Ermittlerin damit das Gegenteil eines geschlossenen Tatorts. Die klassische Anlage des Genres, in der die Wahrheit am Ende feststellbar ist, kommt dort an eine Grenze.

Für das österreichische Kriminalgenre ist das eine ungewöhnliche Setzung. Die Mehrzahl der Reihen spielt in Landschaften und lebt von Lokalkolorit. Hier ist der Schauplatz kein Kolorit, sondern ein Mechanismus, und das unterscheidet das Buch von dem meisten, was in dieser Sparte erscheint.

VSprache und Ton

Der Roman eröffnet mit einem Dialogfetzen über ein Gerücht, das einer Politikerin gerade recht kommt. Damit ist der Ton gesetzt: Es geht weniger darum, was zutrifft, als darum, wem etwas nützt.

Stern schreibt klar und ohne Ausschmückung. Die Ermittlungsarbeit wird als Arbeit gezeigt, mit Wegen, Wartezeiten und Gesprächen, die nichts ergeben. Das kostet Tempo und gewinnt Glaubwürdigkeit, und es passt zu einem Schauplatz, an dem niemand einfach Auskunft gibt.

Die politische Ebene ist benannt, nicht angedeutet. Der Roman sagt, von welchen Seiten die Abgeordnete bedrängt wird, und überlässt es der Leserin, was sie davon hält. Wer Kriminalromane als reine Unterhaltung liest, wird das als Zumutung empfinden; wer sie als Gesellschaftsroman mit Leiche liest, als den eigentlichen Gewinn.

Clara Coban selbst bleibt dabei angenehm unheroisch. Sie löst den Fall nicht durch Intuition, sondern dadurch, dass sie sich in einem Apparat bewegt, der sie nicht haben will.

?Häufige Fragen

Muss man den ersten Band kennen?

Nein. Acetat liefert Vorgeschichte, der Fall in Wassermann steht für sich.

Wie politisch ist das Buch?

Deutlich. Der Schauplatz ist das Parlament, und die Motive der Beteiligten werden benannt statt angedeutet.

Wie umfangreich ist der Roman?

288 Seiten, ISBN 978-3-903091-51-1.

Wie viele Bände hat die Reihe?

Zu dieser Auswahl liegen zwei vor: Acetat als erster und Wassermann als zweiter Fall.