Gegenwartsliteratur aus ÖsterreichWien

Rezension

Was das Leben will von Bina Kratsch

Elli ist sterbenskrank, und dann steht das Leben leibhaftig vor ihr, gefolgt vom Schicksal, einer launischen Zukunft und einem Tod, der gern flirtet.

IWorum es geht

Elli ist krank, und auch nach der Operation sieht die Zukunft nicht gut aus. Dann trifft sie Gustav, der sie an einen Ort schickt, an dem sie ihre einzige Chance wahrnehmen kann: ihr Leben zu tauschen.

Was Elli zuerst für einen Scherz hält, wird der Anfang einer skurrilen Reise. Das Leben steht ihr als Person gegenüber, Solara, und versucht mit unbändiger Freundlichkeit, ihr Mut zu machen. Das Schicksal, Jola, lässt sich davon nicht beirren.

Dazu kommen eine launische Zukunft und ein flirtlustiger Tod, die dem Schicksal in die Quere kommen wollen. Nur die Vergangenheit, Karl, erinnert Elli daran, wer sie einmal war, und mit ihm macht sie sich auf, den Handel abzuschließen.

IIWie das Buch gebaut ist

Kratsch personifiziert, was sonst als Begriff verhandelt wird. Leben, Tod, Schicksal, Zukunft und Vergangenheit treten als Figuren auf, mit Namen, Eigenarten und Meinungsverschiedenheiten untereinander. Das ist ein altes Verfahren, und es funktioniert hier, weil die Figuren nicht als Allegorien behandelt werden, sondern als Personal.

Der Ton ist warm und komisch, auch wenn der Ausgangspunkt es nicht ist. Das Buch nimmt die Krankheit ernst und die Trauer auch, verweigert aber die Feierlichkeit, die solche Stoffe oft mitbringen.

Auf 208 Seiten bleibt das leicht. Ein längeres Buch hätte diese Anlage vermutlich nicht getragen.

IIIFür wen sich das lohnt

Für Leserinnen und Leser, die Romane über Krankheit und Sterben suchen, die nicht niederdrücken. Das ist eine kleine Gattung, und dieses Buch gehört hinein.

Für alle, die phantastische Anlagen ablehnen, ist es nichts. Der Tauschhandel ist wörtlich gemeint.

Wer stattdessen etwas Realistisches über das Zurückschauen sucht, findet es in Der Mann im Goldrahmen.

IVEinordnung

Personifizierte Abstrakta sind eines der ältesten Verfahren der europäischen Literatur, von den mittelalterlichen Moralitäten bis zu den Totentänzen. Dass ein Gegenwartsroman darauf zurückgreift, ist selten, und es funktioniert hier, weil das Buch die Figuren nicht als Lehrmittel benutzt. Solara, Jola und Karl haben Launen und Interessen, keine Botschaften.

Bina Kratsch, 1977 in Salzburg geboren, kam auf einem ungewöhnlichen Weg zum Schreiben. Nach der Matura absolvierte sie eine Ausbildung zur Gesundheitstrainerin und Ernährungsberaterin sowie zur Heil- und Sportmasseurin und arbeitete acht Jahre in einem Frauengesundheitsstudio. Zu schreiben begann sie in der Karenzzeit.

Für ein Buch über Krankheit ist diese Vorgeschichte nicht nebensächlich. Der Roman behandelt einen kranken Körper ohne die Scheu, die in der Belletristik verbreitet ist, und ohne das medizinische Vokabular, das Romane über Krankheit oft schwerfällig macht.

VSprache und Ton

Der Ton ist der Grund, warum dieses Buch funktioniert. Ein Roman über eine sterbenskranke Frau, in dem der Tod flirtet und die Zukunft launisch ist, könnte leicht geschmacklos werden. Er wird es nicht, weil die Komik nie auf Kosten von Elli geht.

Die Figuren um sie herum sind komisch, sie selbst ist es nicht. Solara übertreibt mit ihrer Munterkeit, Jola ist stur, der Tod ist eitel, und Elli steht in der Mitte und hat schlicht Angst. Diese Aufteilung hält das Buch zusammen.

Sprachlich bleibt der Roman einfach und schnell. Es gibt keine langen Beschreibungen und keine philosophischen Einschübe, obwohl das Personal dazu einlädt. Die Fragen, um die es geht, werden in Handlung übersetzt statt in Betrachtung.

Mit 208 Seiten ist es der kürzeste Titel dieser Auswahl, und die Kürze gehört zur Anlage. Das Tauschgeschäft, um das es geht, verträgt keine Verzögerung: Elli hat wenig Zeit, und das Buch nimmt sich entsprechend wenig.

?Häufige Fragen

Ist das Buch traurig?

Der Ausgangspunkt ist es. Der Ton ist es nicht: Das Buch arbeitet mit Wärme und Komik, ohne den Stoff kleinzureden.

Sind Leben und Tod wirklich Figuren?

Ja, mit Namen und Eigenarten. Solara ist das Leben, Jola das Schicksal, Karl die Vergangenheit.

Wie lang ist das Buch?

208 Seiten, ISBN 978-3-903091-57-3, erschienen 2019.

Ist das ein Buch für Jugendliche?

Nein. Die Anlage mit personifizierten Figuren wirkt märchenhaft, der Stoff ist es nicht: Es geht um eine sterbenskranke erwachsene Frau.